Begegnungen mit den Samurai in Speyer
Aus dem gleißenden Sonnenlicht draußen betritt man im Historischen Museum der Pfalz in Speyer einen dunklen Raum, in dem fremde Töne immer mal wieder zu hören sind. Sobald sich die Augen an das Dunkel gewöhnt haben, sind Masken, Helme und Schautafeln zu sehen, erste Exponate, die auf die Ausstellung einstimmen. Die fremden Töne sind die japanischen Bezeichnungen für die Exponate. An den Wänden finden sich Zitate aus dem Hagakure.
Nach einer stilisierten Brücke und innerhalb eines stilisierten Bambushains kleidet sich ein Samurai in seine Rüstung, ihm gegenüber steht ein mittelalterlicher Ritter, der sich ebenfalls in die Rüstung kleidet. Der Rüstungstyp domaru des Samurai mitsamt der Waffen wiegt am Ende unter 15 kg und wirkt dabei noch elastisch und beweglich, während der europäische Ritter im Harnisch am Ende über 40 kg auf dem Körper trägt und unbeweglicher aber rundum gepanzert dasteht.
Im Raum dahinter ist der erste Höhepunkt zu bestaunen. Eine komplette Samurai-Rüstung, die auch auf dem Werbebanner für die Ausstellung zu sehen ist, wird präsentiert. An den Wänden sind Herrschaftsbanner und Waffen arrangiert: Bogen mit Pfeilen, Sättel und Steigbügel, aber auch Lanzen und sogar Musketen sind zu bestaunen. Eine Vitrine zeigt die Fächer (gunsen) und anderen Herrschaftszeichen der Samurai-Anführer.
Im nächsten Raum stehen neun weitere historische Samurai-Rüstung zum teil aus Privatbesitz. Sie sind fremdartig und prächtig, Furcht erregend und bis ins kleinste Detail handwerklich kunstvoll ausgeführt. Unter anderem befindet sich eine Rüstung des Nabu-Clans aus dem Norden Japans darunter, die erstmals außerhalb Japans zu sehen ist.
Eine große Fläche ist wiederum den unterschiedlichen Waffen gewidmet, vor allem der Bogen steht hier noch im Zentrum, die Schwerter sind erst später beim Rundgang in einem eigenen Raum ausgestellt.
Zunächst trifft man auf eine Sänfte, einen kleinen schwarzen Kasten, den man beklettern kann und sich darin zusammenfalten, was je schwieriger je länger die eigenen Beine sind. Damit von der Hauptstadt in die Provinz zu reisen und das zweimal im Jahr, wie es die daimyo, die Lehensfürsten, tun mussten? Nicht gerade traumhaft bequem!
An der Wand dieses Ausstellungsraumes ist eine ca. 10 m lange Bildrolle ausgestellt, die einen kompletten Zug bildlich darstellt. Liebevolle Detailzeichnungen zeigen die verschiedenen Samuraigruppen und Dienerschaften, die den Fürsten begleiten, der seine Provinz regieren musste, während seine Familie quasi als Geiseln in der Hauptstadt zurückblieben. So verhinderte der Militärführer, der shôgun als eigentlicher Herrscher Japans, Aufstände unter seinen Fürsten. Es galt Sippenhaft: wurde ein Fürst angeklagt und verurteilt, starb in der Regel seine gesamte Familie und auch viele Gefolgsleute mit.
Werkzeuge solcher Urteile, aber vor allem auch Prestige- und Leidenschaftlich geliebte Waffen sind im nächsten Raum zu sehen:
Durch einen langen Flur hindurch, zu dessen beiden Seiten tsuba und menuki gezeigt werden, einige mit Vergrößerungsglas, weil die kunstvollen Metallschmiedearbeiten mit bloßem Auge kaum komplett zu sehen sind, steht man endlich vor den wunderschön gearbeiteten Schwerter.
Die daishô sind auf ihren Ständern inszeniert, beeindruckend in ihrer schlichten und kunstvollen Schönheit. Etwas lästig sind die Schiebetüren, die den Blick auf diese handwerklich genialen Kriegswerkzeuge immer wieder verdecken, aber sie auch wiederum wirken lassen in ihrer Einzigartigkeit. Eines der Schwerter gehörte Saigô Takamori, dem „letzten Samurai“, der am 24. September 1877 in Kagoshima starb und als kami verehrt wird.
Im nächsten Raum werden die Legenden der Helden und einer Heldin der Samurai erzählt: auf den so genannten Heldensesseln sind Kopfhörer installiert, über die die Legenden erzählt werden. Meine Favoritin ist Tomoe Gozen, aber auch die Ausschnitte über Miyamoto Musashi und Minamoto No Yoshitsune und andere sind spannend anzuhören. Schön ist das digital blätterbare Buch der 47 rônin, das durch Handbewegungen eine Art Digital-Faksimile Schmökern erlaubt.
Schon wird man übergeleitet in einen Ausstellungsabschnitt über das nô und das kabuki -Theater: Masken erscheinen im Boden und schauen streng aus Vitrinen, zwei prächtige Kostüme einer Gottheit in Gestalt eines alten Mannes sowie einer Himmelsfee sind zu bewundern, zugleich auch ein nô-Spiel als Video. Überhaupt sind in fast allen Ausstellungsräumen Videos zu sehen, die den Gebrauch oder den historischen Zusammenhang der Exponate erklären und so einen Eindruck des Lebens der Samurai vermitteln.
Zum Abschluss hin werden nun Alltagsgegenstände gezeigt: Spielkarten und go-Spielbretter, Teegeschirr, ein Schattenspiel zu den Gepflogenheiten beim Essen und Trinken, aber auch Gegenstände aus Kalligraphie und Kunst, aus Kosmetik und religiösem Alltag deuten den Reichtum des kulturellen Lebens an. Hier können nur noch Blitzlichter gesetzt werden, eine Ausstellung über den Alltag Japans und seine kulturelle Vielfalt würde den Rahmen sprengen. Aber mit den wenigen Exponaten gelingt ein Stimmungsbild, bevor es in den letzten Raum geht, im dem Japan und seine Öffnung zum Westen dokumentiert wird.
Mit einem Augenzwinkern wird am Ende aus der Ausstellung entlassen: Toilettenschuhe mit Hello-Kitty Motiven als Skurrilitäten reizen doch zum Lachen, nachdem man so tief in die Geschichte und Tradition Japans eingetaucht war. Aber darüber steht doch auch das Wissen um die Vielfalt heutigen japanischen Lebens und japanischer Kultur. Wie aus einer anderen Welt kommt man zurück…
Draußen scheint immer noch die Sonne und Speyer lockt mit seinen Eiskaffees im Schatten des Doms, aber zuvor gilt es noch den kleinen aber gut sortierten Museumsshop mit bokken, Büchern und sogar katana ohne finanziellen Ruin zu überstehen.
Belinda Spitz-Jöst, Speyer
Ausstellung „Samurai“ im Historischen Museum der Pfalz, Speyer, bis 5. Oktober 2008, Dienstag – Sonntag 10-18.00 Uhr, weitere Informationen unter www.samurai.speyer.de.